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Digitalisierung mit Hindernissen

Lernen mit digitalen Medien - aus dem Alltag einer Lehrerin

Endlich ist es soweit. Auch an Schulen ist der Wind der Digitalisierung nun zu spüren. Was anfangs als leichte Brise um die Nase des Lehrkörpers strich, der mit Erstaunen, Verwunderung oder gar Verärgerung feststellen musste, dass einzelne Schüler plötzlich ihre Unterrichtsaufzeichnungen mit Tablets erstellten, ist nun zur unnachgiebigen Böe geworden, die in des Lehrers Rücken drückt. In Richtung Fortschritt bewegen ist somit spätestens mit Beschluss der Schulkonferenz unausweichlich.

Nun gut, also los geht’s. Die versprochenen iPad-Leihgeräte für Lehrer sind da, ein iPad-Koffer pro Etage im Schulgebäude, ausgestattet mit 20 Geräten, steht bereit, und viele Klassenzimmer sind mit großen Flachbildschirmen und Computern ausgestattet. Ein eigener Schulserver als Plattform zum digitalen Austausch von Daten ist in diesem Fall sogar auch online. Dies ist aber längst nicht als Standard zu verstehen, sondern besonderer Luxus. Über die Tatsache, dass 20 Geräte als Klassensatz eher mit der Schulnote mangelhaft zu bezeichnen ist, sehen wir einmal großzügig hinweg. Wir wollen den digitalen Rotstift mal nicht gleich überstrapazieren… Naja, und 20 iPads für mindestens fünf Klassenräume pro Etage… Egal, jetzt aber schnell einen begehrten iPad-Koffer über den Server buchen, lieber auch noch einen Raum mit Apple-TV-Ausstattung beim Tagesplanschreiber reservieren und hoffen, dass die Schüler den obligatorischen Gang zum Tagesplanmonitor geschafft haben werden, ohne sich Corona einzufangen – da war ja noch was – und schon plane ich motiviert meine erste digitale Unterrichtsstunde: Erstellen einer spannenden Erzählung mithilfe der App BookCreator in Deutsch.

Die 6. Klasse eskaliert schon beim Anblick des iPad-Koffers und stürzt sich hochmotiviert auf die Geräte. Während ich noch versuche, den Computer im Klassenraum hochzufahren, erinnere ich die Schüler freundlich, aber mit leicht erhobener Stimme an das Einhalten der Abstandsregeln und das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung. Und ja, eigentlich sollte auch ein Desinfektionstuchspender im Koffer sein, aber ist gerade nicht da…
Mit leichten Stressflecken im Gesicht, beantworte ich noch 20 bis 30 Fragen zur Benutzung des iPads und der besagten App – natürlich alle doppelt und dreifach, ich spreche ja auch noch den auditiven Bereich an und schicke meine Aussagen nicht per AirDrop – während ich immer noch versuche, mein iPad mit dem Flachbildfernseher per Apple-TV zu verknüpfen. Klappt trotz vielfältiger, kreativer Ideen und gut gemeinten Schüler-Ratschlägen, wie: „Haben Sie auch auf Bildschirmsynchronisation getappt – müssen Sie da oben swipen!“, die mich mehrfach tief durchatmen lassen – ach ja, schnell zum vorgeschriebenen Stoßlüften wegen Corona alle Fenster aufreißen – nicht. Was soll‘s, ich bin ja Profi, also alles über mein hochgehaltenes iPad erklären, während die Experten aus der letzten Reihe schon längst sogenannte „Drawing & Guessing Games“ mit den Mädels aus der ersten Reihe auf „skribbl“ zocken.
Das kleine Engelchen auf meiner linken Schulter erinnert mich noch an meinen pädagogischen Auftrag, alle Schüler da abzuholen, wo sie stehen und Nachsicht walten zu lassen, schließlich hapert es gerade an der technischen Ausstattung, während ich schon leicht angenervt mit Klassenbucheinträgen und doppelten Hausaufgaben drohe, die mir das kleine Teufelchen auf meiner rechten Schulter einflüstert.

Was für ein Start in den Tag und es liegen noch vier weitere Schulstunden vor mir…

Ich blende hier einmal aus und erwähne nur mal am Rande, dass die Bildschirmsynchronisation leider nicht mehr geklappt hat, da es zwei verschiedene Schulnetzwerkzugänge gibt und durch eine Administratorfehler nur das passwortgeschützte Admin-WLAN in genau diesem Raum eingerichtet war.

Durchgeschwitzt, aber irgendwie auf eine seltsame Weise auch zufrieden, schließe ich den iPad-Koffer wieder in seinem Raum ein und renne mit Verspätung und natürlich ohne Kaffeepause in die nächste Stunde, wo ich mit: „Oh ne, oder?! Keinen iPad-Koffer, ihr Ernst?!“ und leicht abschätzigen Blicken von der motivierten 9. Klasse in Englisch begrüßt werde. Aber ich bin ja Profi und entgegne gelassen: „Packt das Handy weg, Füße vom Tisch, hört mit den Mathehausaufgaben auf und nehmt einen Stift und einen Zettel raus, wir schreiben eine Vokabeltest! Ach ja und schon mal was von Lüften wegen Corona gehört?!“ Ich gebe zu, die entsetzten Blicke einiger Schüler und die gemurmelte Frage: „Was sind Sie denn heute so aggressiv? War doch nur Spaß.“ lassen mich schon in mich hineinschmunzeln. Einige Dinge werden sich am Schulalltag wohl doch nie ändern.

Und das ist auch gar nicht so schlecht. Denn bei der unumstrittenen Notwendigkeit der Digitalisierung, sollte man nicht vergessen, dass die Schule in erster Linie zum Lernen da ist. Und dafür muss man eben immer noch sein Gehirn einschalten – ganz ohne Bildschirmsynchronisation und AirDrop. Oldschool eben.